Grundsteinlegung Gleis 21
Grundsteinlegung Gleis 21

Grundsteinlegung Gleis 21

 

Anbei die von Michael Kerbler gehaltene

ANSPRACHE ZUR GLEIS21-GRUNDSTEINLEGUNG

 

Herzlich willkommen zu dieser kleinen, privaten Feier. Zu unserer Grundsteinlegung, die – wenn wir’s ganz genau nehmen – schon lange zurückliegt. Denn eigentlich haben wir ab Herbst 2014 damit begonnen fast jede Woche einen Grundstein zu legen. Da gab es zuerst die Kerngruppe, das Architektenteam, die Konzeptentwicklung, die Wettbewerbs-ausschreibung, dann den gewonnenen Wettbewerb, schließlich die Erweiterung der Gruppe, den Bauträger Schwarzatal, unseren Strukturfindungsprozess, die AGs, die Workshops, die Wohnungsvergabe, die vielen tausend Stunden gemeinsamer Arbeit, und dadurch das Kennenlernen und das Zusammenwachsen, das wachsende Vertrauen.

Unsere Vision, sprich unser Zukunftsentwurf, gewann an Konturen. Der beste Beweis für unsere positive Sicht auf die Zukunft sind unsere Kinder. Jene, die schon 2015 mit uns gelebt haben, aber erst recht jene Kinder, die seither zur Welt gekommen sind.

Insgesamt sind es heute neunzehn Kids, die das Haus rocken werden. Und es werden noch mehr werden. Da bin ich mir sicher. Und jedes Mal wurde damit ein kleiner Grundstein gelegt. All diese kleinen Grundsteine bilden das solide Fundament von GLEIS21.

Ein Fundament, das sich bereits als sehr, sehr tragfähig erwiesen hat. So tragfähig, dass wir letztlich auch mit Hilfe unseres Freundes Roland Gruber, einen verlässlichen Unternehmer gefunden haben. Nämlich Christof Müller, der uns – nach nochmaligem Schwenk von Holz zu Beton und zurück – jenes Haus bauen wird, das der Herold von GLEIS 21, nämlich Patrick, obwohl selbst Architekt, so beschrieben hat: „Egal wie die Hütt‘n ausschaut, Hauptsache ist, dass wir alle gemeinsam drinnen wohnen.“

 

Nun, Markus Zilker und Annegret Haider und allen, die von einszueins am Projekt mitgewirkt haben, sei gedankt für die großartige Leistung. Auch was die bauästhetische Erscheinung des Gebäudes angeht. Nein, es wird keine Hütt’n, es wird ein tolles Haus, in dem es sich gut leben lassen wird.

Das Ergebnis der vielen Gesprächsrunden draußen am Nordbahnhof im „einszueins“-Office war und ist eine Teamleistung. Die in einem dialogischen Prozess entstanden ist, der etwas von einem Fußballmatch hat.

Es war in der Nacht bevor ich meinen STANDARD-ARTIKEL über GLEIS21 abliefern musste. Da träumte ich von einem Fußballspiel, wo sich zwei Mannschaften, in denen auch Frauen mitspielten, ein heftiges Match lieferten. Kapitän Zilkers Team, Annegret in der Linksaußenverteidigung, spielte von rechts nach links; die GLEIS21-Mannschaft agierte anfänglich eher defensiv. Sie konzentrierte sich darauf, die Abwehr vor dem eigenen Tor zusammenzuziehen. Die Mauer hielt, doch kurz vor Halbzeitende machten sich kleine Ermüdungs-erscheinungen bei den GLEISLERn breit und Zilker himself schoss das einszunull.

 

In der Pause wurde von den Gleislern Plan „J“ aktiviert, der sich am Spielfeld dann prompt bewährte. Immer dann, wenn das Architektenteam Druck auf unser Tor machte, debattierte das GLEIS 21-Team laut, ob sie nicht besser Joachim einwechseln lassen sollten. Damit gelang GLEIS21 prompt der Ausgleich.

Letztlich endete es einszueins und ich hatte meine Titelzeile:

Die Baugruppe hat etwas von einem Fußballteam.

Ja, Gleis 21 hat etwas von einem gemischten Fußballteam: Spielen können wir nur, wenn wir uns und weil wir uns voneinander abhängig machen. Ohne diese Bereitschaft zur Abhängigkeit gäbe es den heutigen Tag nicht.

Markus hat zuletzt wieder in einer sehr anregenden Diskussion, an der auch SCHWARZATAL-Direktorin Martina Schödl teilgenommen hat, ein wachsendes Interesse am gemeinschaftlichen Wohnen in Wien diagnostiziert.

“Es gibt ganz viele Menschen, die sich für solche Wohnformen interessieren und damit auch zivilgesellschaftliches Engagement zeigen. Das reicht weit über das Wohnen hinaus. In Wirklichkeit geht es um eine Lebensform.”

Ja, da gebe ich Markus vollinhaltlich recht. Es geht um eine Lebensform. Und nicht um „schöner wohnen“.

 

Darum geht es uns allen: um eine Weichenstellung! In einem partizipativen Prozess soll eine andere Wohnform gefunden werden. Wir wollen nicht bloß zusammenleben, sondern gemeinsam leben.

Das gemeinsame Eigentum soll gemeinsam genutzt werden. Und – ja – es soll geteilt werden. Unser Motto lautet: Teilen.

Da schwimmen wir gegen den Strom. Der Egoismus, der sich als Individualität tarnt, diese „Jeder-ist-sich-selbst-der- Nächste“-Haltung entspringt nämlich in der Weigerung zu teilen. Diese Weigerung rührt aus der Leugnung, dass es so etwas wie eine Gesellschaft überhaupt gibt, eine Gemeinschaft, in der soziale Bindungen und solidarisches Empfinden existieren. Ich fühle mich in die zweite Hälfte der Achtzigerjahre zurückversetzt. “You know, there’s no such thing as society. There are individual men and women and there are families. And no government can do anything except through people, and people must look after themselves first“, sagte Prime Minister Margret Thatcher im „Women’s Own“-Interview vor dreißig Jahren, im Herbst des Jahres 1987.

 

„Diese Wirtschaft tötet“, heißt es im „Evangelium gaudii“ von Papst Franziskus, dem ersten apostolischen Schreiben des Papstes aus dem Jahr 2013.

Wer Thomas Piketty bevorzugt, kann in dessen brillanten Analyse „Das Kapital des 21. Jahrhunderts“ die verheerende Wirkung der rapide wachsenden Kapitaleinkommen nachlesen, die dramatisch zum Auseinanderdriften der armen und reichen Bevölkerungsgruppen in den demokratisch verfassten Staaten beiträgt.

Nein, nein, dreimal Nein. Es gibt die Gesellschaft und es ist unser Wunsch vom Ich wieder mehr zum Wir zu gelangen.

Und dieses unser Haus, das hier von uns mit Leben erfüllt werden wird, soll ein auffälliger Puzzlestein im Bild des Gegenentwurfs einer Gesellschaft sein, die den anderen Menschen in seiner Würde wahrnimmt, ihm mit Empathie begegnet und ihm beisteht, wenn er der Unterstützung bedarf.

Ich könnte 1001 Grund nennen, warum wir – Doris und ich (wir haben uns übrigens bei AI kennengelernt) – uns entschieden haben, hierher zu ziehen. Mit euch. Einen einzigen will ich nennen. Und der hat seine Wurzeln im März 2014.

 

In Leipzig begegnete ich damals einer Frau, einer Dänin mit deutsch-österreichischen Eltern. Ihre Mutter, um genau zu sein, stammte aus Österreich. Und Janne Teller, die Schriftstellerin, versank mit mir in ein Gespräch über das, was man fälschlicherweise Vergangenheitsbewältigung nennt. Und wie die Deutschen und wie anders die Österreicher mit ihrer Geschichte der NS-Zeit umgegangen sind. Und dann zog sie ein kleines Büchlein aus der Tasche, das das Format und Layout eines Reisepasses hat. Es trägt den Titel KRIEG, stell Dir vor er wäre hier.

 

13 Jahre vor der Flüchtlingskatastrophe des Sommers 2015 hat Janne es geschrieben. Und es verlangt vom Leser, der Leserin, sich vorzustellen, der Krieg – er wäre tatsächlich hier. Und wir würden flüchten müssen. Aber wohin?

Und dann hatten wir unser Klausur-Wochenende, unseren Workshop. Und alle Rapporteure kamen ins Plenum zurück und berichteten vom Wunsch, vom Vorschlag, vom Entschluss, dass wir – weil es Teil unseres Selbstverständnisses ist – Wohnungen für Schutzbedürftige zur Verfügung stellen sollten.

 

Wir haben nicht debattieren müssen, was Mitmenschlichkeit bedeutet, wir haben nicht das Matthäus-Evangelium gebraucht (was Du dem Geringsten meiner Brüder getan hast) und niemand musste, um zu überzeugen, die UNO-Menschenrechtsdeklaration zitieren.

Das war ein wunderbarer Moment für mich und auch für Doris, als wir erkannten und spürten, wir sind zuhause angekommen.

Wir werden vorleben, dass wir Hilfsbedürftige nicht im Stich lassen werden. Ein Recht gestehe ich niemanden zu: das auf Gleichgültigkeit, hat Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel einmal formuliert.

Er sagte: “The political prisoner in his cell, the hungry children, the homeless refugees — not to respond to their plight, not to relieve their solitude by offering them a spark of hope is to exile them from human memory. And in denying their humanity we betray our own. In a way, to be indifferent to that suffering is what makes the human being inhuman”.

Unsere Vision vom gemeinschaftlichen Leben wird nicht an unserer Haustüre enden, sondern wird ins Viertel, in unser Grätzel, nach Favoriten hineinreichen. Ich sagte es schon: Es geht uns nicht ums “schöner Wohnen”, sondern um das “gemeinsam leben”.

 

Diejenigen, die diese Zeitkapsel in vielen Jahrzehnten ausgraben werden, sollen wissen:  hier standen am 21. November 2017 Mitglieder des Wohnprojekts GLEIS21, unterstützt von Bauträger SCHWARZATAL, von einzueins-Architektur, vom WEISSENSEER Christof Müller und vielen Gästen.

Und die werden in eineinhalb Jahren wieder hier stehen. Und mit uns den Tag der Haus-Übergabe feiern. Und es wird der Beweis erbracht sein, dass uns das Vertrauen in uns selbst und in das gemeinsame Projekt getragen haben.

Vertrauen meint einen Prozess. Einen Weg, der durch das gemeinsame Gestalten entsteht. Weil es da diese Sehnsucht gibt etwas Neues zu schaffen.

Und den besten Weg Neues zu verwirklichen hat meiner Meinung nach ANTOINE DE SAINT-EXUPERY mit einem einzigen Satz beschrieben:

“Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre Männer wie Frauen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ So eine Sehnsucht tragen wir in uns.

Aus: “Die Stadt in der Wüste (Le Citadelle)”

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