Solidarität mit Geflüchteten

Solidarisch wohnen

Solidarisch wohnen heißt Wohnraum teilen. Die zweite Säule des GLEIS21-Entwurfs für ein gemeinschaftliches Leben bedeutet Solidarität nach innen und nach außen zu praktizieren. Und das meint, dass Solidarität oder Nächstenliebe nicht an unserer Haustüre enden können. Und auch nicht enden werden. Heute sind es Flüchtlinge. Morgen möglicherweise eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind, die in Not geraten ist. Übermorgen ist es vielleicht ein Obdachloser, wer weiß.

Es gibt nicht nur Menschenrechte. Aber der, der diese Rechte für sich in Anspruch nimmt, geht zugleich Verpflichtungen ein. Es gibt unserer tiefen Überzeugung nach auch Menschenpflichten. Aus der Meinungsfreiheit etwa leitet sich die Verpflichtung ab, andere nicht zu beleidigen; die Religionsfreiheit verlangt den Glauben des anderen zu respektieren, die Handlungsfreiheit findet ihre Grenze in der sozialen Pflicht, Menschen im Notfall beizustehen. Die Freiheit, in der wir leben, gibt uns die Möglichkeit zu handeln, ja sie verpflichtet uns zu handeln. Daher werden wir – solange uns die notwendigen Mittel gegeben sind – Wohnraum teilen mit jenen, die in Not sind. Die Mitglieder von GLEIS 21 haben sich deshalb dazu entschlossen, einige Wohnungen im Haus anerkannten Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen.

Um jene zu finden, die Hilfe wirklich dringend nötig haben, werden wir mit der Diakonie Wien zusammenarbeiten, die bald dreißig Jahre Flüchtlingsbetreuungsarbeit leistet. Und Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Es ist uns bewusst, dass die Unterstützungsleistung weiter reichen wird müssen, als Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben.

Wir wollen gemeinsam mit der Diakonie Wien anerkannte Flüchtlinge dabei unterstützen eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz zu finden und Sprachkurse zu besuchen, damit sie auch am sozialen Leben in Wien teilnehmen können. Die Gemeinschaft im Haus, insbesondere eine Betreuergruppe, wird sich darum kümmern die kleinen und größeren Hürden im Alltag dieser Menschen zu beseitigen, damit die kleine Gruppe es leichter hat Teil der Hausgemeinschaft zu werden. Die Diakonie Wien wird mit uns gemeinsam für unsere Gäste eine Tagesstruktur schaffen und auch für die gesundheitliche Betreuung der Gruppe sorgen.

Eines ist klar: All diese Schritte werden darin münden müssen, diesen Menschen eine Perspektive zu geben.

Der Tag, an dem wir die anerkannten Flüchtlinge im GLEIS 21 willkommen heißen, wird vieles verändern. Denn es besteht ein gewaltiger Unterschied darin, ob ich eine Reportage über die Lage der Flüchtlinge in Lampedusa lese, ob ich einen Fernsehbericht aus einem vollgepferchten Flüchtlingslager im Libanon sehe oder unmittelbar mit Menschen sprechen kann, die Bombardements, Vertreibung und Flucht erleben mussten. Und die mir vis-à-vis sitzen.

Die Situation der Flüchtlinge in Österreich, die Traumatisierung, die diese Menschen erlitten haben werden an diesem Tag endgültig aufhören ein Abstraktum zu sein.

Michael Kerbler